MITTWOCH, 24. MAI 2004
«DICHTER-HALBTAG» IN DER KANTONSSCHULE IM LEE
«Eine Ehe ist wie der Kommunismus»
Schriftsteller Peter Stamm hat mit angehenden Maturanden über seine Romane diskutiert und dabei erklärt, weshalb Männer bei ihm schlecht wegkommen und was er von Sexualität und Heiraten hält.
von VINCENT FLUCK
Jedes Jahr lädt die Winterthurer Kantonsschule Im Lee einen bekannten Schweizer Autor zu einer Lesung und zu Diskussionen mit den Schülerinnen und Schülern ein. In den Vorjahren machten Martin Walser, Thomas Hürlimann, Eveline Hasler und Urs Widmer mit. Gestern war der in Winterthur lebende Peter Stamm zu Gast. Die gut hundert Viertklassgymnasiasten, die in wenigen Wochen ihre Maturitätsprüfungen ablegen werden, hatten sich während Wochen auf den Anlass vorbereitet. Sie hatten die wichtigsten Werke des Autors gelesen und eine lange Liste von Fragen zusammengestellt. Sie waren von Stamms Erläuterungen gebannt.
Mehr als die Hälfte der Zeit verging mit Gesprächen über seinen ersten Roman, «Agnes», der von einem jungen Liebespaar in Chicago handelt. Auf Wunsch von Agnes beginnt der Mann und Ich-Erzähler die Geschichte der beiden aufzuschreiben. Zuerst bis in die Gegenwart. Dann aber weiter in die Zukunft. Er beschreibt, wie ihre Beziehung sich weiter entwickeln könnte. Zunehmend wird die Fiktion Wirklichkeit und bestimmt das Leben der beiden.
Die angehenden Maturanden beschäftigte unter anderem, ob Agnes am Schluss wirklich tot ist oder ob sie nur in der Erzählung ihres Partners stirbt. Stamm liess diese Frage bewusst offen, verriet aber, dass Agnes in einer ursprünglichen Fassung wirklich gestorben sei, «Am Schluss», sagte er, "gilt aber nur, was im Buch steht.» Ein weiterer Diskussionspunkt war der Einfluss, den die Texte auf die Leserinnen und Leser haben. In Italien beging eine Frau einen Mord, nachdem sie ein Buch von Stamm gelesen hatte. Man fand in ihren Habseligkeiten eine unterstrichene Buchpassage, die auf einen Zusammenbang schliessen liess. «Jeder macht mit meinen Büchern, was er will», sagte Stamm, da habe er keinen Einfluss. Etwas später sagte er, es sei unmöglich, ein Buch zu lesen, ohne sich selbst mit den Figuren zu identifizieren. Man lebe immer mit ihnen mit. Letztendlich mache das Menschsein aus, dass man sich in andere hineinfühlen könne. Auch er lebe mit seinen Figuren.
Jemand wollte wissen, weshalb Stamms Geschichten im Ausland spielen -in Amerika oder in Skandinavien. Einerseits, weil er an diesen Orten gelebt habe, lautete die Antwort. Andererseits Fasziniere ihn mehr, was er nicht so gut kenne. Das ist mit ein Grund, weshalb er oft über Frauen schreibt. Weshalb Männer in seinen Büchern eher schlecht wegkommen, weiss der gebürtige Weinfelder nicht genau. Sicher ist für ihn, dass Männer in Beziehungen ungeschickter sind. Beziehungen sind aber der Stoff, aus dem seine Geschichten gemacht sind. Nicht das Extravagante zieht ihn an, sondern das Alltägliche, Durchschnittsmenschen in Krisensituationen.
Sexualakt ist uninteressant
Eine junge Frau bemerkte, dass Sexualität in Stamms Werken in Nebensätzen abgehandelt werde. «Das hat nichts mit Prüderie zu tun», antwortete Stamm. Für ihn ist der eigentliche Akt nicht interessant. Spannender ist die Kraft, die die Menschen dazu treibt. Ebenso, was vorher und nachher passiert. Neben der Sexualität wurde auch die Ehe thematisiert, weil sie in Stamms Geschichten immer wieder scheitert. Für den Autor spricht die Realität gegen die Ehe. Er vergleicht sie mit dem Kommunismus, wo vieles Jahre im Voraus fixiert wurde. Er, der unverheiratet mit seiner Freundin ein Kind hat, passt sich lieber den Gegebenheiten an, löst Probleme, wenn sie auftauchen. Für ihn ist ein gemeinsames Kind verbindlicher als das Versprechen in der Kirche.
Gegen Ende der Diskussion wurde auch Stamms Arbeitsweise angesprochen. Wichtig für ihn sei, so Stamm, dass er eine Geschichte möglichst in einem Zug in ein bis zwei Wochen schreibe. Dann überarbeite er das Geschriebene über Monate hinweg -zwanzig bis dreissig Mal. Zum Lesen gebe er seine Werke relativ spät: entweder seiner Freundin, der Verlegerin oder der Agentin. Was sein einfacher, schlanker Schreibstil betreffe, habe der viel mit seiner Persönlichkeit zu tun.
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