10.12.2007

Wo die Schüler besser essen lernen
Immer mehr Jugendliche leiden unter Essstörungen oder sind übergewichtig. Dem versuchen die Mensen der Kantonsschulen mit ausgewogenen Menüs entgegenzuwirken. Zur grösseren Freude der Eltern als der Schüler.


WINTERTHUR - In der kürzlich umgebauten Mensa der Kantonsschule Im Lee dominiert Weiss, das durch frische Grüntöne ergänzt wird: fast schon ein Bild gewordenes Bekenntnis zur gesünderen Ernährung. Denn der Mensabetreiberin SV Schweiz liegt viel daran, dass sich ihre junge Kundschaft gesund und ausgewogen ernährt: Mit Aktionen wie «fit@school», bei der neben besonderen Menüs auch Info-Flyer abgegeben und eine eigene Internetseite zum Thema kreiert wurde (www.fit-at-school.ch), sollen die Schüler für Ernährung sensibilisiert werden.
«Aber es steigen längst nicht alle auf diese Angebote um», stellt Restaurantmanager Heinz Biber fest, «viele bevorzugen Fast Food wie Pommes frites, Hotdogs, Pizzas, Hamburger, Schnitzelbrote, die wir - als wechselnde Wochenangebote - ebenfalls anbieten. Was übrigens nicht etwa eine schizophrene Haltung ist: Wenn wir diese Speisen streichen, konsumieren die Schüler sie in der nahen Stadt. Für die meisten Jugendlichen ist gesunde Ernährung einfach noch kein Thema - das kommt erst später.»

Nur für Menüs
Vielen Eltern hingegen ist es nicht egal, was ihre Kinder essen. Deshalb haben die Mensen Gutscheinblöcke im Angebot, mit denen ausschliesslich Menüs bezogen werden können. Das sollte den Eltern die Gewissheit geben, dass ihre Sprösslinge «ordentlich» zu Mittag essen und nicht nur Süssigkeiten naschen. Aber die Jungen sind erfinderisch: Gelegentlich werden die Bons im Kollegenkreis gegen Bares umgetauscht - ob nur um damit an Süsses heranzukommen oder auch um das Taschengeld aufzubessern, sei dahingestellt.
Solcher «Erfindungsreichtum» ist auch sonst gelegentlich ein Thema: Wenn etwa eine besonders grosse Portion verlangt wird und bereits zwei Bestecke auf dem Tablett liegen, wird die Absicht vom aufmerksamen Personal (oder vom Chef) jedoch meist durchschaut.

Zurück zu den Wurzeln
Heinz Biber ist an der Oststrasse, in unmittelbarer Nachbarschaft der Kantonsschulen, aufgewachsen. Nach einer Lehre als Bäcker/Konditor begab er sich für einige Jahre auf Wanderschaft und sammelte im Gastrobereich verschiedenste Erfahrungen. Seit zwölf Jahren leitet er nun bereits die beiden Mensen an den Kantonsschulen Im Lee und Rychenberg: «Als mir die Stelle angeboten wurde, konnte ich mir nicht vorstellen, wieder nach Winterthur zurückzukehren. Aber es gefällt mir hier einfach: ich habe einen abwechslungsreichen Job. Wir haben ein gutes Klima, im Team ebenso wie mit unserer Kundschaft, den Lehrern und Schülern.» Von der Arbeitszeit her haben Biber und seine 15 Mitarbeitenden - von denen die meisten Teilzeit arbeiten, da das Verpflegungsangebot vor allem die Mittagszeit betrifft - aber keinen Traumjob mit 15 Wochen Ferien: Wenn die Schulen ferienhalber geschlossen sind, lassen sich die meisten Mitarbeitenden nämlich in andere Betriebe von SV Schweiz einteilen.
Sind denn die Jugendlichen nicht manchmal etwas schwierig? Biber stellt durchaus Stimmungsschwankungen im Jahreslauf fest, gerade im Herbst, wenn es kühler und dunkler wird: «Das darf man aber nicht persönlich nehmen: Man muss einfach positiv bleiben und wissen, dass das auch wieder anders kommt. Im Grossen und Ganzen kann ich es aber gut mit den jungen Leuten, bin auch mal für einen Scherz zu haben oder lasse einen Spruch fallen. Aber wenn nötig kann ich auch ganz klare Grenzen setzen - und das wird respektiert.»
Negativ am Trend zu immer mehr Fertigmenüs findet Biber, dass Schüler wie Erwachsene dadurch nicht nur das Kochen verlernen, sondern auch die Wertschätzung gegenüber der Kochkunst verlieren. Auch komme das Saisonbewusstsein abhanden, weil viele Früchte und Gemüse praktisch das ganze Jahr über verfügbar sind. Da könne es ganz heilsam sein, wenn zum Beispiel Fertignahrungsmittel und ihre Zusatzstoffe im Unterricht thematisiert werden - und die Schüler erfahren, was sie auf diesem Weg alles zu sich nehmen.

Bequeme Nahrungsmittel
«Es ist manchmal nachhaltiger, wenn sie es selbst herausfinden, als wenn wir Erwachsenen es predigen. Aber meist wird dann über kurz oder lang doch wieder auf «bequeme» Nahrungsmittel umgestiegen.» Saisonbewusstsein und Abwechslung versucht SV Schweiz durch spezielle Angebote zu vermitteln wie etwa mexikanische Wochen - und nimmt dabei auch das Risiko in Kauf, dass Menükreationen nicht immer gut ankommen: «Curry ist sehr beliebt - ein Versuch mit Pouletkebab war dagegen nicht von Erfolg gekrönt.»
Spezielle Menüs für Schüler mit einem anderen kulturellen oder religiösen Hintergrund sind nicht gefragt: «Die Schüler thematisieren das nicht gerne und weichen lieber diskret auf andere Gerichte aus. Hingegen stellen wir eine Zunahme bei den Allergikern fest und tragen dem durch unsere Angebote und durch eine gute Information der Mitarbeitenden Rechnung. Täglich findet um 11 Uhr die Menübesprechung statt, bei der die einzelnen Zutaten und Inhaltsstoffe durchgegangen werden. Wer also wissen will, ob das Essen zum Beispiel Gluten enthält, erhält Auskunft.»
Trotz aller Bestrebungen um ausgewogene Ernährung ist Heinz Biber besonders stolz auf die im Haus hergestellten Desserts wie etwa Cremeschnitten, Rouladen, Berliner, Gebäck - denn es ist alles eine Frage des Masses. Und im Innersten seines Herzens ist er halt doch immer noch Patissier geblieben.

ALEX HOSTER