24.01.08

Gymnasiasten forschen im Massstab 1:1
Seit einigen Jahren müssen Maturanden eine Abschlussarbeit zu einem selbst gewählten Thema abliefern. An der Kantonsschule im Lee sind so über 120 Forschungsprojekte entstanden, die am Samstag präsentiert werden. Zum Beispiel diese.


Seit jeher sei er ein eingefleischter Pfadi-Fan gewesen, sagt Valentin Bay, der als aktiver Handballer inzwischen selber zum Kader der ersten Mannschaft gehört. Damit habe sich das Thema für seine Arbeit fast aufgedrängt: eine Geschichte des Winterthurer Traditionsvereins von seinen Anfängen Ende der Dreissigerjahre bis heute. Interessiert hätten ihn nicht nur die sportlichen Resultate sondern in erster Linie das Vereinsleben selber, die vertretenen Werte, der Zusammenhalt, «was nach dem Training passierte».
Der langwierigste Teil seiner Forschung sei die Sichtung des Archivmaterials in der Geschäftsstelle gewesen, sagt er rückblickend: «Da gibt es ein ganzes Zimmer voller Ordner mit Protokollen, Rechnungen, Verträgen - ich habe mich darin fast verloren.» Ergiebig waren Gespräche mit Ehemaligen wie Gründungsmitglied Heinz Rutz, die ihm auch Zugang zu ihren eigenen Fotoalben und Artikelsammlungen gewährten. Sein vergleichendes Fazit: In den Anfängen sei der Sport von den Aktiven als reines Hobby betrieben worden. So wurde nur einmal in der Woche trainiert und der anschliessende gemeinsame Beizenbesuch war Pflicht. Heute stünden fünf Wochentrainings auf dem Programm, die Spieler hätten alle persönliche Betreuer und Coaches, alles sei viel professioneller geworden.
«Etwas über meine Heimat machen» wollte hingegen der Waltalinger Patrick Eugster. Und da ihn das Thema Klimaerwärmung schon seit Langem beschäftigt, beschloss er, deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft im Stammertal zu untersuchen. Seine Fragestellung: Welches sind die Folgen der steigenden Temperaturen für die Kulturen, wie schätzen die Landwirte die Zukunft ein? Kern seiner Arbeit sind eingehende Gespräche zum Thema mit sechs Bauern aus seiner Wohngegend. Von ihnen erfuhr er, dass die klimatische Entwicklung sehr wohl mit Sorge beobachtet werde. So seien die Erträge der Hopfenernte dramatisch eingebrochen. Es sei damit zu rechnen, dass sich der Hopfenanbau im Weinland wegen zu warmer Durchschnittstemperaturen bald nicht mehr lohnen wird.
Umgekehrt präsentiert sich die Lage im Rebbau: Seit zwanzig Jahren gebe es keine erheblichen Spätfrostschäden mehr. Ausserdem würden jetzt Rebsorten in der Gegend gepflanzt, die früher nur in Südfrankreich gediehen. Probleme finanzieller Art gebe es auch, was die Bewässerung betrifft, speziell für jene Betriebe, die über keine eigene Wasserquelle verfügen und - wie in den letzten Trockenjahren - auf Hydrantenwasser ausweichen müssen. Seine Arbeit scheint auch im Gemeindehaus Waltalingen auf Interesse zu stossen, sollen doch dreissig Exemplare davon gedruckt und in der Gemeinde verteilt werden.

Gerechnet, getüftelt, getestet
Im Gegensatz zu seinen zwei Kommilitonen suchte Yanyan Huang lange nach einem geeigneten Thema für seine Maturarbeit. «Klar war nur, dass es etwas Praktisches sein musste, wenn irgend möglich zum Thema Feuer. Etwas, das mich schon als Kind faszinierte.» Im letzten Augenblick, am Vorabend des Themenabgabetermins, dann der rettende Einfall: der Bau eines Heissluftballons als ideale Kombination zwischen Physik und Modellbau. Und zwar ohne Anleitung oder vorfabrizierte Kits, mit selber entwickelter Brennervorrichtung und Fernsteuerung. Ein ehrgeiziges Projekt, das ihn das ganze letzte Halbjahr in Beschlag nahm. «Hätte ich damals aber gewusst, was auf mich zukam - ich hätte die Finger davon gelassen», sagt der Gymnasiast rückblickend.
Schwierig gestaltete sich schon die Materialsuche. Es galt Auftriebskräfte zu berechnen, Schmelzpunkte und Abstrahlungswerte zu vergleichen. Dazu baute er einige Prototypen, deren Eignung jedoch nicht immer überzeugte, wie ein russgeschwärzter Balkon in der elterlichen Wohnung heute noch bezeugt. Am Schluss kam nur noch ein ultraleichter Nylonstoff in Frage. Das wiederum bedingte eine Mindestgrösse von rund sechs Metern Höhe und 6500 Liter Inhalt. Und vor allem explodierten die Ausgaben. Nur schon der in Deutschland georderte Stoff für die Hülle verschlang nahezu 1000 Franken. «So ging ich eben auf Sponsorensuche und schrieb zwei Dutzend Bettelbriefe», erzählt der Ballonbauer. Mit Erfolg: Sein Hilferuf wurde von der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur (NGW) erhört, die sich bereit erklärte, die Hälfte der Kosten zu übernehmen. Knifflig gestaltete sich dann das Nähen der 140 Quadratmeter Stoffbahnen auf dem Boden einer Turnhalle - notabene ohne jegliche Nähmaschinen-Erfahrung. «Ohne die Hilfe zweier Kolleginnen hätte ich es garantiert nicht geschafft», räumt Huang freimütig ein.
NGW-Präsident Peter Lippuner jedenfalls ist beeindruckt. Imponiert habe ihm vor allem die Hartnäckigkeit und der Erfindergeist des unterstützten Maturanden. Aus gemachten Fehlern und erlittenen Rückschlägen habe er immer wieder Konsequenzen gezogen und sei dadurch weitergekommen. «Und das ist es doch, was die Faszination der Wissenschaft ausmacht.»

JEAN-PIERRE GUBLER