28.02.08
Kantonsschüler boykottieren ihre Mensa
Weil sie die Absetzung ihres Mensakochs nicht hinnehmen wollen, haben Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Im Lee zum Boykott aufgerufen. Nach einer Aussprache mit der Betreiberfirma ist klar: Der Koch muss trotzdem gehen.
Einen beliebteren Mensakoch als Roland Lüthi hat die Kantonsschule Im Lee kaum je gesehen. Bei der Schülerschaft hat er den Ruf, immer einen lockeren Spruch parat zu haben. «Und die meisten von uns kennt er mit Vornamen», sagt Solange Collet von der Klasse 4a. Wenn die Menüs mal ausverkauft gewesen seien, dann habe Lüthi nicht einfach mit den Schultern gezuckt, sondern gesagt: «Komm, ich mache dir noch Teigwaren.»
Auch die Lehrerschaft ist voll des Lobes für den 47-Jährigen: «Unsere Mensa wurde noch nie so erfolgreich betrieben wie in der Zeit, seit dieser Koch bei uns ist», sagt Rektor Thomas Rutschmann. «Dabei spielt nicht nur die Qualität des Essens eine Rolle. Er hat es auch geschafft, eine persönliche Beziehung zu den Schülern aufzubauen.»
Dass nun ausgerechnet dieser Mann die Mensa verlassen muss, hat bei der Schülerschaft heftige Reaktionen ausgelöst: Seit die Botschaft vom Abgang des Kochs Ende Januar durchgesichert ist, hängen an den Schulhauswänden Solidaritätsplakate. Und für diese Woche haben die Initianten des Protestes sogar zum Boykott der Mensa aufgerufen. Deren Umsatz ist bereits um ein Drittel zurückgegangen.
Protest letztlich chancenlos
Die Schülerproteste blieben bei der Betreiberfirma nicht ohne Wirkung: Für eine Aussprache reiste gestern eine Delegation der SV Schweiz nach Winterthur, darunter auch Matthias Draeger, seines Zeichens Chief Operation Officer dieses grössten Cateringunternehmens der Schweiz. «Wir wollten signalisieren, dass wir den Schülerprotest ernst nehmen», sagt Mediensprecherin Stephanie Steinmann. Für die SV Schweiz, die im ganzen Land Schülermensen betreibt, sei ein solcher Fall eine Ausnahme. Dem Boykott gewinnt Steinmann aber auch Positives ab: «Wir sehen, dass sich die Schüler mit dem Thema Mensa beschäftigen.» Auf die Forderung, Roland Lüthi seine Stelle in der Kantonsschule zu erhalten, wollte die SV Schweiz dagegen nicht eintreten. Daran kann auch die Schulleitung nichts ändern, denn die Verträge mit dem Caterer sind Sache des Kantons.
Mensa war defizitär
«Uns ging es darum, für unsere Entscheidung Verständnis zu schaffen», sagt Steinmann. Der Stellenabbau hat strukturelle Gründe. So haben sich die Umsatzerwartungen, mit denen beim Umbau der Mensa kalkuliert wurde, nicht bestätigt. «Der Betrieb war leicht defizitär.» Die Mensa Im Lee soll nun noch enger an den Betrieb der Rychenberg-Mensa geknüpft werden, als deren Filiale sie gedacht ist. Die bisherige volle Stelle in der Lee-Mensa wird dafür auf eine halbe reduziert, die Stellenprozente in der Rychenberg-Mensa um eine halbe Stelle aufgestockt. Roland Lüthi kann trotzdem nicht bleiben. Er wäre als Küchenchef für die Teilzeitstelle überqualifiziert.
Der Betroffene selbst bezeichnet seine berufliche Zukunft im Moment als offen. Der Wirbel, den seine Entlassung ausgelöst hatte, überrascht Lüthi. «Ich hätte nicht gedacht, dass die Resonanz so gross ist», sagt der Koch, der sich seit einigen Wochen von einer Operation erholt und die Proteste darum nur aus der Ferne beobachten konnte. Im Vordergrund habe für ihn immer gestanden, dass die Schüler gut, gesund und frisch essen. Dafür habe er auch gerne einen Extraeffort geleistet.
Hannes Schraft, Vertreter der Schülerorganisation, glaubt darum, dass der «Schuss für die SV Schweiz nach hinten hinaus gehen könnte». Der Boykott sei zwar mit Ablauf der Woche beendet und die Schülerschaft soll per Schreiben detailliert über die Hintergründe der Entlassung informiert werden. Schraft hält es aber für wahrscheinlich, dass der Umsatz trotzdem zurückgeht. «Denn Roland Lüthi war das Gesicht der Mensa im Lee, das, was die Mensa ausgemacht hat.» MARC LEUTENEGGER
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