Pfad A – Geschichte der Winterthurer Gymnasien

1. Winterthurer Besonderheiten

"Ein liebevolles Eingehen auf die Individualität" nimmt Rücksicht auf die "so überaus grosse Vielgestaltigkeit der Natur der zu unterrichtenden Jugend": Was auch heute unser Ziel ist, wurde so vor mehr als 100 Jahren formuliert: Die Geschichte der Winterthurer Gymnasien ist geprägt von fortschrittlichen Geistern, stets auf der Suche nach der "Lösung jenes idealen Lehrplanes. – Wird er zu finden sein?" 1912 rechtfertigt man den geschlechterdurchmischten Unterricht, weil dadurch der Umgang innerhalb der Klassen "ein freierer, offenerer, natürlicherer" wird. Ein anderer Grundsatz ist, anstatt Lernstoff von stets wachsendem Umfang zu verlangen, "den Unterricht mehr zu vertiefen und für die Bildung des Geistes und Gemütes fruchtbarer zu machen" (1887), um so "den im Winterthurer System gelegenen Entlastungsgedanken deutlicher beizubehalten und die Möglichkeit der Belegung von Freifächern zu fördern" (1929) – ein Prinzip, das am Lee auch der Stundentafel-Revision von 2022 zugrundegelegt wurde. In dieselbe Richtung zielte einst die Verkürzung der Lektionsdauer von 50 auf 40 Minuten: Tatsächlich wurde in der Folge eine "entschieden geringere Ermüdung der Schüler" festgestellt, diese seien auch gegen Ende eines Halbtages noch "geistig viel regsamer und aufnahmsfähiger" als zuvor (1906). Da der Kanton heute Vereinheitlichung fordert, dauern allerdings unsere Lektionen seit 2023 wieder 45 Minuten.

Eine Winterthurer Besonderheit räumt jedoch keine Steine aus dem Bildungs-Weg, im Gegenteil: Unsere Maturreisen (früher "Streberreisen") führen symbolträchtig auf einen Gipfel der Schweizer Alpen. 1905 durch eine Stiftung initiiert, bewähren sie sich bis heute, denn in den meisten Fällen gilt immer noch: "Vom ersten bis zum letzten Augenblicke herrschte in der ganzen Gesellschaft eine höchst vergnügte Stimmung, zugleich aber auch ein Geist der willigen Subordination und des Taktes, der den Leiter seine Aufgabe stets nur als eine Lust und niemals als Last empfinden liess" (1906).

2. Vom Mittelalter in die Neuzeit

Hoch erfreut über die Heimkehr des Vaters aus dem Krieg, rennt der kleine Johannes zusammen mit anderen Schülern aus dem Unterricht hinaus vor die Tore Winterthurs: Das Heer des habsburgischen Herzogs Leopold kehrt 1315 aus der Schlacht am Morgarten hierher zurück, von eidgenössischen Scharen geschlagen und dezimiert. Diese Szene aus der historisch bedeutenden Chronik des erwachsenen Johannes, genannt Vitoduranus, belegt die Existenz einer hiesigen Schule für angehende Geistliche im späten Mittelalter.

Humanistisches und reformatorisches Gedankengut richtet später die städtische Schule daraufhin aus, die Winterthurer Bürgerskinder auf ihre späteren Alltags-Aufgaben vorzubereiten: 1479 wird neu eine "Deutschklasse" eingeführt, um Grundkenntnisse in Schreiben, Lesen, Rechnen neu in der Muttersprache statt auf Latein zu vermitteln. Die fünfjährige "Lateinschule", also die oberen Klassen, wird ab 1664 als "Gymnasium" bezeichnet, mit den Abschlussfächern Latein, Katechismus, Griechisch, Hebräisch und Philosophie (Logik, Metaphysik und Physik). Tüchtigen Abgängern ist freier Zugang gewährt zum oberen Kollegium in Zürich, Vorgänger der Universität. Fortschrittlich an dieser Neuorganisation ist, dass Schulunterricht faktisch obligatorisch wird für alle Bürgersöhne (über die Töchter später mehr), zudem möglich für Kinder ansässiger Nichtbürger. Die Besoldung des ersten Rektors Jakob Meyer beträgt, nebst einer Amtswohnung mit Hof und Krautgarten, 38 Mütt Kernen, 6 Malter Hafer, 9 Saum Wein, 12 Klafter Holz, 75 Gulden an Geld und dazu von jedem Knaben eine Ehrengabe.

3. Dies und das: Zum Beispiel…

…begann der Schulunterricht im 15. Jahrhundert bereits vor 6 Uhr morgens. …musste 1789 der Zeichenlehrer Kuster wiederholt ermahnt werden, dass er "in den Originalzeichnungen, die er den Schülern zum copiren vorlege, Nuditäten ausweiche". …gehörten von 1819 bis 1919 zum Turnunterricht Waffenübungen (Säbel, Gewehr, Artillerie) und Kompagnieschule. …war von 1891 bis 1934 den Schülern der oberen Klassen "der Besuch bestimmter Lokale unter folgenden Bedingungen gestattet: 1. Der Wirtshausbesuch darf nicht zur Gewohnheit werden. 2. Er darf nicht vor Abendzeit (6 Uhr) geschehen. 3. Er darf sich nie über 11 Uhr erstrecken. 4. Die Schüler sollen sich Mässigung zur Pflicht machen." …wurde anlässlich der Schiller-Feier 1905 unter Leitung Dr. Ermatingers von 5 Schauspielerinnen, 39 Schauspielern "Wallensteins Tod" aufgeführt, alle vier Vorstellungen von je fünf Stunden Dauer waren ausverkauft. …las 1922 in einem Abendkurs Herr Ehrat mit einer Anzahl von Schülern eine populäre Schrift von Einstein: 'Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie'. …wurde auf einer Maturreise 1928 nach einem Tagesmarsch von 50 km für die noch ausstehenden 9 km spontan ein Transport organisiert. …werden ab 1933 Skitage, später Skiwochen, durchgeführt; daran hielt man fest, obwohl während der Skitage 1934 drei Schüler im Schneesturm am Chäserrugg ums Leben gekommen sind. …wurden im 2. Weltkrieg die Frühlings- und Sommerferien gekürzt und die Winterferien auf fünf Wochen verlängert, um Heizkohle zu sparen. …wurde 1985 die erste Volleyballnacht durchgeführt; das erste Fussballspiel zwischen Schülern und Lehrern ist 1989 dokumentiert (Resultat 1:1).

4. Von der Aufklärung zur Moderne

Die Epoche der Aufklärung bringt ab 1775 einen Schub von Reformen, befreit das Gymnasium von der traditionellen Ausrichtung auf ein Theologiestudium. Auch in den oberen Klassen ist die Unterrichtssprache nun nicht mehr Latein, sondern Deutsch. Als neue Fächer werden Deutsch, Mathematik, Geschichte, Geographie, Französisch, Zeichnen, Gesang eingeführt. Pädagogische Überlegungen fördern die Individualisierung: Die oberen Klassen profitieren von einem Wahlfach-System, und spezialisierte Fachlehrer treten anstelle des alle Fächer unterrichtenden Klassenlehrers. Heftige Auseinandersetzungen zwischen konservativen und radikal-liberalen Kräften prägen das 19. Jahrhundert in ganz Europa, hinzu kommt lokal die Rivalität zwischen den Städten Winterthur und Zürich. Der Persönlichkeit des Rektors Johann Kaspar Troll – nach ihm ist eine Strasse im Inneren Lind benannt – ist mitzuverdanken, dass sich aus den Wirren allmählich ein vorerst zweispuriges System für die höheren Stadtschulen herausbildet, das sich im Prinzip bis heute bewährt: Das "Gymnasium" bereitete auf ein Hochschulstudium (insbesondere Theologie, Medizin, Jura) vor; die "Industrieschule" bot künftigen Handwerkern, Beamten, Kaufleuten, Künstlern eine mehr praktisch ausgerichtete höhere Ausbildung. Als Gründungsjahr der Winterthurer Maturitätsschulen gilt 1862, das Jahr ihrer eidgenössischen Anerkennung, unter Federführung des Rektors Georg Geilfus: In seiner deutschen Heimat politisch verfolgt, hatte er in der liberalen Schweiz Zuflucht gefunden und eine Anstellung als Lehrer zuerst an der Sekundarschule Turbenthal, danach am Winterthurer Gymnasium.

5. Frauen im Bildungswesen

Schulbildung für Mädchen ist Mitte 16. Jahrhundert etabliert: 1546 bewirbt sich Ursula Gisler erfolgreich als Lehrerin an der Winterthurer Töchterschule, "wiewol villicht die Schrifft nit bym bestenn ist, (ursach, ich han es lang nye gebrucht)". Knaben- und Mädchenschule sind seit ungefähr 1600 örtlich getrennt, erstere in der Hintergasse (heute Steinberggasse 13), letztere am Kirchplatz (heute Gewerbemuseum). Dennoch besuchen häufig Mädchen die Knabenschule, konsequent geschieden wird erst mit der Reform der Mädchenschule um 1800: Als Ziel wird formuliert, "jedem Mädchen Gelegenheit zu geben, sich hinreichende Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, um durch höhere Bildung des Geistes, durch Veredlung des Herzens und Kräftigung des Willens einst eine glückliche und beglückende Gattin, eine verständige Vorsteherin und Versorgerin des Hauswesens und eine weise und fromme Erzieherin ihrer Kinder zu werden" (1834).Die "höhere Töchterschule" bleibt aber auch mit den Reformen des 19. Jahrhunderts blosses Anhängsel von Gymnasium und Industrieschule. Immerhin werden unter Rektor Robert Keller Übertritte möglich: 1900 ist Charlotte Müller die erste Maturandin. 1902 werden erstmals Mädchen direkt in die 1. Klasse aufgenommen, zehn Jahre später stellen die Schülerinnen bereits ein Viertel der Gesamtzahl, 2023 sind es 60%. Die weiterhin existierende Mädchenschule (heute Fachmittelschule) wurde aber noch in den 1970er-Jahren "Besi" genannt, weil sich hier die Gymnasiasten mit einem möglichst ansehnlichen "Besen" ausstatteten als weibliche Begleitung für Feste und Bälle. Unter den "Hauptlehrern" blieben Frauen am Gymnasium lange die Ausnahme: Dr. Elsa Binder und Dr. Emmy Weidenmann unterrichteten ab 1918 Deutsch, Englisch, Französisch, Nachfolgerinnen sind aber erst 1931, 1950 und dann in den 70er-Jahren verzeichnet. Noch 1990 sind 41 Männer, 4 Frauen unbefristet angestellt, 2023 ist das Verhältnis 24:40.

6. Von 1900 bis heute

Die Möglichkeit, Schwerpunkte zu setzen auf dem gymnasialen Ausbildungsweg, ist schon seit dem 19. Jahrhundert vorgespurt. Die Profile (lange Zeit "Typen" genannt) vermehrten sich aber nur langsam: Die geisteswissenschaftlichen sind aus dem alten "Gymnasium" hervorgegangen, seit 1928 in ein "literarisches" und ein "realistisches" aufgeteilt, was in etwa dem heutigen alt- und neusprachlichen Profil entspricht. Das heutige mathematisch-naturwissenschaftliche Profil basiert auf der alten "Industrieschule" (später "Oberrealschule"). Diese bildete ab 1906 auch angehende Volksschullehrer*innen aus: Der Zweig wurde 1947 selbständig und als "Lehramtsschule" Vorläufer des heutigen musischen Profils. Seit 2024 führt das Lee zudem das neu geschaffene Profil PPP (Pädagogik, Psychologie, Philosophie).

Nur 30 Jahre nach dem Umzug von der alten Knabenschule an der Stadthausstrasse (heute Museum Reinhart am Stadtgarten) in den Neubau Im Lee musste aufgrund der verdreifachten Zahl der Schüler*innen 1959 die "Kantonsschule Winterthur" geteilt werden: 1962 bezog die "Kantonsschule Rychenberg" als Langgymnasium den Neubau unmittelbar neben der "Kantonsschule Im Lee", die nun als Kurzgymnasium Anschluss an die Sekundarschule gewährt und für das musische sowie das mathematisch-naturwissenschaftliche Profil Anschluss ans Untergymnasium. Ebenfalls in den 60er-Jahren wird zudem die alte Winterthurer Handelsschule in ein Wirtschaftsgymnasium umgewandelt, die "Kantonsschule Büelrain".

7. Und schliesslich: Zum Beispiel…

…wurde 1796 die "Überhandnehmung des sittlichen Verfalls unserer Knaben" beklagt, namentlich unanständige Spiele, ausuferndes Schwören und Fluchen sowie "der Geist der Frechheit und Mangel an Achtung für Sachen und Personen, für die die Jugend billig Respekt haben sollte". …führte die höhere Mädchenschule ab 1863 das Fach "Weibliche Arbeiten", wo Nähen und andere Arbeiten mit Textil unterrichtet wurden, und war Kalligraphie (Schönschreiben) am Lehramt ein obligatorisches Fach bis 1972. …gingen 1905 als Schenkungen an die schulischen Sammlungen: 52 Belegstücke zu Hybridations- und Temperaturexperimenten an Schmetterlingen, eine Batterie von 20 Chromosäure-Tauchelementen, eine durch Blitzschlag beschädigte Blitzableiterspitze, ein Gehörorgan eines Raben, Gesteinsproben von Birmensdorf, eine Buddhastatue, ein siamesisches Gebetbuch aus Bambusblättern. …galt 1908 Fussball als das "vortrefflichste aller Bewegungsspiele", da sich auch "die körperlich schwächern, ungelenkigen und schwerfälligen Schüler" mit voller Energie daran beteiligten. …wurde 1921 eine der Schulreisen als Velotour durchgeführt. …wurde über den Winter 1947/48 eine Suppenküche eingerichtet: "Zu dem billigen Preis von 65 Rappen konnte um 12 Uhr eine nur durch den Appetit limitierte Menge einer kräftigen Suppe genossen werden, die in der frühern Milchküche von der Frau des Hauswarts hergestellt wurde. Auf Bestellung wurde zum mitgebrachten Brot auch eine Wurst verabreicht." …wurde 1958 die Ausstellung 'So erzieht der Kommunismus die Jugend' im Kirchgemeindehaus von allen oberen Klassen unter der Führung ihrer Geschichtslehrer besucht. …schlug 1962 eine Kommission vor, in der alten Aula (heutige Mensa) ein Schwimmbecken einzurichten.

 

8. Quellenverzeichnis

Programm der höheren Stadtschulen von Winterthur, jährlich ab 1862/63, bzw. Übersicht der an den höheren Stadtschulen in Winterthur behandelten Lehrgegenstände, jährlich ab 1866/67, bzw. Programm der höheren Stadtschulen in Winterthur, jährlich ab 1878/79, bzw. Programm des Gymnasiums und der Industrieschule Winterthur, jährlich ab 1888/89, bzw. Bericht/Jahresbericht der Kantonsschule Winterthur bzw. der Kantonsschule Im Lee Winterthur, jährlich ab 1906/07; Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens des Gymnasiums und der Industrieschule Winterthur, Erster Teil: Dr. Alfred Ziegler: Die Vorgeschichte des Gymnasiums und der Industrieschule Winterthur 1309-1862, Zweiter Teil: Dr. Robert Keller: Geschichte des Gymnasiums und der Industrieschule Winterthur 1862-1912, Winterthur 1912; Werner Ganz, Alfred Läuchli: Hundert Jahre Maturitätsschule Winterthur 1862-1962, Winterthur 1963; Walther Rupli: Mittelschule im gesellschaftlichen Wandel. Die Winterthurer Kantonsschulen 1962-1987. Zur Hundertfünfundzwanzig-Jahr-Feier 1987, Winterthur 1987; 150 Jahre Kantonsschulen Winterthur. Die Winterthurer Kantonsschulen von 1862-2012, Festschrift 2012; Johannis Vitodurani Chronicon (Die Chronik des Minoriten Johannes von Winterthur), hg. v. G. v. Wyss, Zürich 1856; Bewerbungsschreiben der Ursula Gisler, 1546, aufbewahrt im Stadtarchiv Winterthur; Heimatkunde von Winterthur und Umgebung, hg. v. Lehrerverein Winterthur, Winterthur 1887; Aus der Geschichte von Winterthur, hg. v. Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, Zürich 1994.