

















1. Die Lage

Begeben Sie sich auf Niveau 5 im Westen hinaus auf die einladend möblierte Terrasse: Von hier aus ist die Lage des Schulhauses gut zu überblicken. Im Rücken die Weinreben am Sonnenhang des Lindbergs: Die Flurnamen Rychenberg und Goldenberg unterstreichen die geografische Bevorzugung. Vor uns die Stadt, darüber hinweg schweift der Blick nach Südosten ins Tössbergland und bis in die Glarner Alpen mit Vrenelis Gärtli, dem Ostgipfel des Glärnisch. Im Süden, direkt gegenüber, breit der Eschenberg, rechts davon stechen die roten Turmspitze der Stadtkirche aus den Dächern der Altstadt. Weiter westwärts scheidet der Brühlberg mit seinem Sende- und Aussichtsturm die Verkehrswege Richtung Zürich und durchs untere Tösstal Richtung Rhein nach Basel. Unmittelbar neben unserem Schulhaus westlich lag seit 1871 ein Friedhof mit einer neugotischen Kapelle, bis zum Bau der Kantonsschule Rychenberg ab 1960. Der Flurname "Im Lee" geht übrigens darauf zurück, dass es sich in früherer Zeit um ein "Lehen" handelte, also um verpachtetes Nutzland. Aus dieser praktischen Perspektive war das abschüssige Gelände natürlich nicht besonders attraktiv, und für den Bau der Anlage inklusive Sportplatz mussten denn auch beträchtliche Massen Erdreich umgeschichtet werden.
2. Symmetrie der Gesamtanlage

Aus den Ecken des Sportplatzes hat man den besten Blick aufs Gebäude, von den Architekten, den Brüdern Otto und Werner Pfister, an den Fuss des Lindbergs gebettet, 1928 eingeweiht. Es setzt sich aus vier streng symmetrisch ineinandergeschachtelten Elementen zusammen: Der mächtige Sockel enthält Turnhalle, Aula (heute: Mensa) und einen Grossteil der technischen Anlagen, die anlässlich der Gesamtinstandsetzung 2019-22 stark erweitert wurden, unterirdisch in den Hang hinein. Die darauf ruhenden Kuben sind nach hinten verschoben, so dass, wer von links und rechts die Rampen flach emporsteigt, eine grosszügige Terrasse betritt; sie hat den Charakter eines Innenhofs, weil Mittelbau und daraus hervorstossende Flügel sie hufeisenförmig umlagern. Die drei sichtbaren Geschosse des Haupttrakts beherbergen unter flachem Walmdach die Mehrheit der Schul- und Verwaltungsräume, auch das Schulleitungsbüro hinter dem Balkon auf dem markanten Portal im Zentrum der Anlage. Die Flügelbauten, ein Stockwerk weniger hoch und gedeckt durch begehbare Terrassen, bieten Räume für die Fachschaften mit speziellen Bedürfnissen.
Insgesamt haben wir zweifellos einen Palast vor uns, aber glücklicherweise einen republikanischen: Nicht Macht wird inszeniert wie in Schloss Versailles; angeknüpft wird vielmehr an die humanistische Tradition der Renaissance, des Palazzo Pitti etwa in Florenz. Auf Prunk und Zierformen wird verzichtet, und das Mittelportal ist interessanterweise das im Alltag am wenigsten benutzte, weil von allen Seiten her und auf verschiedenen Etagen andere Türen näher liegen. Das Haus ruht in sich als Palast der Konzentration auf allgemein zugängliche Bildung.
3. Verspieltes und Farbiges aussen

Nur auf einen ersten flüchtigen Blick erscheint das Gebäude von aussen streng und abweisend: Wer sich auf detaillierteres Hinschauen einlässt, nimmt wahr, wie überall das symmetrische Grundschema sich ins Verspielte mildert. Schon die Fassade, von der grossen Terrasse aus betrachtet, erweist sich als überraschend abwechslungsreich: Jedes der drei prägnanten Stockwerke variiert nicht nur die Anzahl Fenster, sondern auch deren Abstand zu den dazwischenliegenden Gurten. Verschiedenartige Materialien und Strukturen spielen dabei zusammen. Die Fenster – unregelmässig gezogenes Glas, hölzerne Rahmen und Sprossen, Kunststeineinfassung – und die granitenen Gurten verbindet die hell verputzte Fassadenfläche. Hinzu kommt der aufgemauerte Granit in der Sockelzone, in den Ecklisenen und der Fassung des Hauptportals (die Nebenportale nehmen dagegen auf die Gurten Bezug). Und nicht zu vergessen die gusseisernen Fenstergitter und Laternen, das Holz und die Beschläge der Türen, je nach Witterung der Stoff der Fensterstoren… und dem oberen Fassadenabschluss nimmt das vielfach gebrochene Dachgesims die Härte.
Über die ganze Anlage verteilt kommt zudem eine unerwartet vielfältige Farbpalette zusammen. An der Fassade wechselwirken vor allem die steingrauen Strukturelemente mit dem fast weissen Verputz. Einen warmen Akzent setzt das Braun des Dachs, variiert in den Türen und den lachsroten Sonnenstoren. Dazu kontrastieren dezent die graugrünen Fensterrahmen, lassen das satte Grün der umgebenden Natur anklingen.
4. Farbiges und Verspieltes innen

Zur freundlich einladenden Atmosphäre des Hauses trägt die Farbgebung viel bei. Oft aber hat das Bunte beträchtlichen Grauanteil: Die geringe Sättigung schwächt Kontraste, die Farbigkeit drängt sich nirgends auf. Im Innern sind die Durchgangszonen von ganz anderem Charakter als die geschlossenen Arbeitsräume. Erstere, weitgehend fensterlos oder nach Norden offen, sind dunkel und kühl gehalten, letztere, grossteils an der Südfront, hell und wohnlich warm. Boden, Wand, Decke sind scharfkantig geschieden und erzeugen für jeden Ort einen eigenen Dreiklang. So in den Gängen: Boden dunkelroter Klinker – Wände grau (Hallen) oder blaugrau (Transit) plus dunkelgrün und schwarz (Türen) – Decke weiss geripptes Licht-Schatten-Spiel. So in den Zimmern: Boden hellbrauner Parkett (oder parkettfarben) – Wände gelb- oder grüngrau – Decke weiss (wie das Mobiliar). Eine Überraschung halten die nach dem Raum-im-Raum-Prinzip sanierten Toiletten bereit.
Zudem ist der Innenraum voll von liebevoll gestalteten Details: Türen mit Fassungen und Beschlägen, Treppengeländer mit kunstvollen Abschlüssen, Garderoben, Lampen in den Gängen, Pendelleuchten in den Zimmern (die ursprünglichen Modelle hängen noch im Sekretariat und im Zimmer 411); die organisch geschwungenen Formen erzeugen einen Hauch von Jugendstil. – Finden Sie die schlangenköpfigen Treppengeländerabschlüsse?
5. Einteilung der Innenräume

Wer aufgrund der Symmetrie im Äusseren eine klare, zentralistische Struktur im Innern erwartet, sieht sich getäuscht: Sich zu orientieren ist nicht leicht. Die Herzkammern des Schulhauses bilden jedenfalls die drei Hallen auf den drei Hauptgeschossen des Mittelbaus. Obwohl von kühlerem Charakter, weil nordseitig, laden sie durch Weite, durch Sitzgelegenheiten, durch Plätschern von Brunnenwasser zum Verweilen ein. Verbunden sind sie über je ein Treppenhaus an beiden Schmalseiten. Hier gelangt man allerdings überraschenderweise nicht in die weiteren Etagen. Wer dorthin will, muss sich durch den Verbindungsgang Richtung Flügel begeben, nach Osten oder Westen schön symmetrisch identisch. Hier erst führen nicht weniger als je drei weitere Treppenanlagen in die unteren Geschosse beziehungsweise – seit der Gesamtsanierung – unters Dach. Ein kompliziertes System also, wodurch sich aber (das ist der Vorzug) die Menschenströme, die sich in den Pausen durchs Gebäude ergiessen, gleichsam auf unterschiedliche Blutbahnen verteilen. Unterwegs in den Gängen muss man allerdings fast ohne Tageslicht auskommen; denn über die ganzen 145 Meter Breite ist die helle Südseite den Arbeitsräumen vorbehalten: Schul- und Vorbereitungszimmer, Büros; und abgesehen von den drei grossen Hallen wird überall auch die Nordseite für Arbeits- und andere Räume genutzt.
6. Das Dachgeschoss

Eine gesonderte Betrachtung verdient seit der Gesamtsanierung das Dachgeschoss – davor bloss ein riesiger dunkler, staubiger Abstellraum. Hier hat das Architekturbüro Meletta Strebel nicht saniert, sondern neu gestaltet. Dies wird versinnbildlicht, indem nicht das von unten heraufführende alte Treppenhaus nach oben verlängert, sondern eine Stahltreppe an neuer Stelle installiert wurde, natürlich symmetrisch ost- und westseits je eine. Sie nimmt uns gleichsam mit auf eine Zeitreise aus dem historischen Gemäuer hoch in die Gegenwart, denn einzig die hölzerne Dachtragkonstruktion erinnert hier oben noch an den ursprünglichen Zustand. Um etwas mehr Tageslicht nutzen zu können, wurde die ursprüngliche Zahl der Dachlukarnen vervierfacht. Der Fachschaft Musik stehen hier nun schallisolierte Unterrichts-, Arbeits- und Übungsräume mit aus akustischen Gründen schiefwinkligen Grundrissen zur Verfügung, dazu ein absolut schalldichter Band-Raum. Das Herzstück ist der firsthohe grosse Singsaal mit mobiler Trennwand. Eine raffinierte Hilfskonstruktion in Stahl macht hier sogar die mittleren Tragstützen überflüssig, so dass durch die rings umlaufende Eichenholzverschalung die sehr wohlige Atmosphäre eines geräumigen Arbeits-Ateliers entsteht, worin eine Bühne für Aufführungen gestellt werden kann.
7. Gesamtwürdigung

Anfangs 20. Jahrhundert, in einer Zeit, da das Neue Bauen die historistische Beliebigkeit des 19. Jahrhunderts verdrängt und auf der ganzen Welt die unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten der Stahlbeton-Konstruktion in eine moderne Formensprache fasst, errichten die Gebrüder Pfister als Winterthurer Kantonsschule einen traditionellen, klassizistischen, doch zugleich nüchtern-sachlichen Renaissance-Palazzo: Sie verstehen sich als Baumeister, die sich von Modeströmungen unbeirrt handwerkliche Qualität, dauerhafte Solidität, geringe Unterhaltskosten und praktische Nutzbarkeit zum Ziel setzen. Dies ist voll und ganz gelungen. Unaufgeregt kombinieren sie den altbewährten Mauerbau mit der neuen Stahlbeton-Technik, um optimale Resultate zu erzielen. So ist die Bausubstanz auch ein Jahrhundert nach Errichtung immer noch von allerbester Qualität und erlaubt zeitbedingt notwendige Neuerungen so raffiniert zu integrieren, dass sie erst bei genauem Hinschauen auffallen: etwa das aufwändige Brandschutzsystem, eine heutiger Norm entsprechende Raumausleuchtung oder der Ausbau des Dachstocks. Zugunsten von Qualitätsarbeit scheuten die Architekten weder Material noch Kosten. Dass zum Beispiel in Hallen und Gängen die Decken gerippt sind, bedeutete einen ungeheuren handwerklichen Aufwand, erweist sich aber bis heute als ausgesprochen nützlich, um technische Installationen aller Art unterzubringen. Ein Rätsel bleibt immerhin, nach was für einem Konzept ursprünglich offenbar fast jedes einzelne Schulzimmer in einem eigenen farbigen Grauton gestrichen war. Die Brüder Pfister haben Liebe zum Detail mit konzeptuellem Weitblick verbunden und so ein architektonisches Glanzstück geschaffen, das sich in der alltäglichen Arbeit zweifellos noch lang bewähren wird.