

















1. Fliegen

Ein Schwarm bronzener Vögel umlagert das Mittelportal des Haupttrakts zur grossen Terrasse: einzelne gelassener, andere auf Nahrungssuche oder fluchtbereit, drauf und dran, sogleich davonzuflattern. Frei verteilt an der Mauer zwischen Griffhöhe und Gurt über der ersten Fensterreihe bilden sie eine lose Einheit: "Fliegen" von Esther Mathis (*1985) wurde als Kunst-am-Bau-Projekt anlässlich der Gesamtsanierung 2022 installiert. Genau wie unsere Schüler*innen sind diese Vögel: Jeder von eigener Art, jeder ein Individuum, treffen sie hier zusammen, an der Schwelle, am Nadelöhr zwischen innen – der Schule, in deren Dachstock drei vorwitzige Exemplare übrigens vorgestossen sind – und aussen: Der Ausblick öffnet die weite Welt, in die es nach der Matur auszufliegen gilt. Sie sind hier zwischengelandet, ohne ihre Herkunft zu vergessen: Allesamt sind sie Abgüsse von Präparaten aus dem Naturmuseum Winterthur, doch nun dank Scan- und 3D-Druck-Technik zu Kunstobjekten verwandelt und veredelt. Und so umspielen sie nun ironisch den befremdlich autoritären Stein-Adler von 1928: Er muss damit leben lernen, dass sie ihm auf dem Schnabel herumtanzen. So bietet der steinerne Schulbau das zweifellos notwendige Fundament, den stabilen organisatorischen Rahmen. Doch den darin ein- und ausgehenden Individuen muss Freiraum gewährt sein, selber fliegen zu lernen, kreativ, originell die eigenen Flügel zu entfalten.
2. Drei Brunnenfiguren

Drei Bronzeplastiken zieren die Brunnen mitten in den drei übereinanderliegenden Hallen der Niveaus 3, 4, 5 des Haupttrakts: von unten nach oben eine nackte Frau, ein junger Mann in kurzen Hosen mit einem Diskus in der Hand und ein nackter Mann mit einer Kugel. Sie wurden 1928 eigens für den Neubau geschaffen von Julius Schwyzer (1876-1929, Diskuswerfer) und Hans Gisler (1889-1969, Frau und Kugelstösser). Offenbar nehmen sie konzeptuell und formal aufeinander Bezug. Die Nacktheit und die Sportgeräte verweisen auf das antike Gymnasion, ebenso die Körperhaltungen der beiden ganz Unbekleideten: der klassische Kontrapost. Da ja auch die Architektur des Schulhauses insgesamt die humanistische Tradition zitiert, liegt es nahe, die Figurengruppe im neuplatonischen Sinn zu deuten: als Allegorien für Körper, Seele, Geist. Die Nackte, mit der Rechten ihren Haarzopf greifend, stünde somit für die physische Realität, das alltägliche praktische Leben im materiellen Hier und Jetzt. Die Diskusscheibe in der Hand des Mittleren würde die Gürtelzone repräsentieren, die Unten und Oben verbindet. Hose trüge er also, um die Geschlechterpolarität aus dem Blick zu nehmen, um stattdessen auf die Dynamik, die Rotationsenergie des Seelischen, Emotionalen, des Gefühlsbereichs zu fokussieren. (Nun ja, vielleicht auch einfach, weil man vor der Tür der Schulleitung anständig gekleidet sein sollte.) Der Kugelstösser zuoberst müsste die Meisterschaft des reinen Geistes verkörpern über das Ganze: die schwere Kugel, das vollkommene platonisch-geometrische Gebilde, das Halbrund des steinernen Brunnens erst vervollständigend.
3. Ein Fest der Farbe

Die Rektoratstür auf Niveau 4 flankierend, präsentieren zwei grossflächige Bilder Farbe, und nichts als Farbe. Blau ist Thema des einen, Rot des andern. Dass sie zusammengehören, ist klar aufgrund sowohl des identischen Querformats als auch der gleichen vertikal-horizontal rasterartigen Grundstruktur: Ihr folgend variieren Farbfelder eine rechteckige Grundform mittlerer Grösse, als wären sie Individuen derselben Art, denen genügend Spielraum bleibt für Unterschiede in Mass und Gestalt, für Überlagerung und Transparenz. Überhaupt lösen sich diese "Farbfelder" auf, sobald man Nähe wagt und sich auf die einzelnen breiten Pinselstriche einlässt: Kraftvoll-dynamisch, chaotisch treten sie zueinander in komplexe Beziehungen und mit wieder zunehmender Distanz zu einem Organismus zusammen. Die Bilder von Andrea Alteneder (*1961) aus dem Jahr 1998 tragen keinen Titel: Keine Geschichte will erzählt, keine Interpretation formuliert sein – bloss eine Farbenparty wird gefeiert, die das Eintauchen genauso lohnt wie die Vogelschau, eine Party auf zwei weiss grundierte Räume verteilt: Blautöne prägen den einen, Rosa und leuchtend Hellrot den andern, werden wechselseitig dezent aufgenommen und durch wenige, aber leuchtende gelbe Flächen verknüpft. Die Farben spielen die Musik – einmal tendenziell ruhiger, kühler, aber vielschichtiger, differenzierter; einmal tendenziell aktiver, feuriger und aufdringlicher, bestimmter –, lösen Stimmungen aus, lassen uns über optische Wellenlängen innerlich mittanzen.
4. Messerstein

Wer plaudernd durch die grosse Halle vor den Büros der Administration auf Niveau 4 schlendert, muss aufpassen, nicht unversehens gegen eine 2,65 Meter hohe Steinskulptur zu prallen, offensichtlich in der Form eines auf seinen Griff gestellten Messers. Roland Hotz (*1945) hat es 1986 geschaffen. Es wäre verfehlt, es als aggressives Signal unserer überaus wohlwollend gesinnten Schulleitung zu missdeuten: Die blutige Nase würde man sich wie gesagt höchstens aus eigener Unachtsamkeit holen. Nein, wir wollen es anders verstehen: als Sinnbild unseres Denkens, mit dem wir die Wirklichkeit zu sezieren versuchen, um dem auf den Grund zu kommen, was uns und unsere Welt im Innersten zusammenhält. Als Pfeilspitze aber auch, die senkrecht in die Höhe weist, weil wir nie nachlassen wollen in unserem Streben nach dem Wahren, Guten, Schönen: Edel, elegant wirken die sanft gewellten Kuhlen, doch unversehens wird alles flach, verschwindet fast, wenn man exakt in der Achse steht: Dieses Messer, eindrücklich und unzulänglich zugleich, wird nicht für jede Aufgabe das rechte Werkzeug sein – weder glatt poliert noch scharf geschliffen seine Klinge, rau und grobkörnig fühlt es sich an: Die ganze gewaltige Kraft aus den Urzeiten des Planeten ruht noch in dem Gneis, die erkaltetes, kristallisiertes Magma in wieder neue Gestalt und Struktur presste; er möchte schneiden, droht aber zu erschlagen. Vielleicht strickt ihm ja tatsächlich einmal eine barmherzige Seele rosa Mütze und Schal.
5. Gegenstandsversammlung

Lieben Sie die Ordnung? Dann lassen Sie sich hier therapieren. "Ordnung" ist der jämmerliche Versuch, die unendliche Vielfalt der Welt zu reduzieren auf einen flüchtigen Zustand, der willkürlich als gottgewollt behauptet wird: ein Akt der Diktatur. Zugegeben, Ordnung ist nützlich: ohne Ordnung kein Kapitalismus und kein Kommunismus, ohne Ordnung keine Unterdrückung, kein Massenmord, keine Macht. Ohne Ordnung aber auch keine Zivilisation, keine Bildung, keine Kultur, keine Menschlichkeit. Und so kommt auch Bendicht Fivian (1940-2019) nicht ohne Ordnungen aus in seinen "Gegenstandsversammlungen" aus dem Jahr 1990, zwei hängen in den Vorhallen zu den beiden Flügeltrakten auf Niveau 4. Organisieren Sie sich nun eine bequeme Sitzgelegenheit, platzieren Sie sich im nötigen Abstand zum grossformatigen Gemälde und beginnen Sie sich durch das Durcheinander hindurchzusortieren: Schon der Bilderrahmen setzt eine Ordnung (die eines sichtbaren Ausschnitts aus einer Realität). Weiter gibt es eine Ordnung der Farbgebung (warm, kalt), eine Ordnung der Platzierung der gemalten Objekte in der Bildfläche (Komposition), eine Ordnung der möglichen Geschichten, die von diesen ausgelöst werden (von A wie Barock bis Z wie Konsumkritik)… Toben Sie sich so richtig aus, verinnerlichen Sie dabei, dass jede Ordnung eine beliebig definierte Form von Unordnung ist, und kehren Sie dann gelassener zurück in Ihr eigenes Zuhause, wie auch immer es dort aussehen mag…
6. Ein sitzender Jüngling

Der nackte junge Mann sitzt ruhig, kompakt, konzentriert am Boden, lässt den Oberkörper leicht nach vorn fallen, in durchaus bequemer und stabiler Haltung. Er ist von Körperspannung durchströmt, könnte jederzeit aus dem Tagtraum erwachen, sich erheben, in Aktion treten. Ein griechischer Ideal-Athlet ist er nicht, kein mythischer Held, obwohl seine Nacktheit zurück ins antike Gymnasion verweist. Feingliedrig, unauffällig, normal gebaut, liegt ihm in seiner gedankenverlorenen Versunkenheit offenbar die seelisch-geistige Entwicklung vor allem am Herzen. 1928, von der Alt-Vitodurania gestiftet, vom Bildhauer Otto Kappeler (1884-1949) in Bronze gegossen, nahm er nämlich nicht hier in der Südostecke der Sportanlage, sondern ursprünglich am Bassin des heute verschwundenen Schulgartens Platz und sah in den Wellen Himmelblau und Pflanzengrün sich spiegeln. Fast übersieht man die Schale in seiner Rechten: Sie dient ihm, das Wasser der Bildung zu schöpfen, von der Schule gespendet. Aber nicht wahllos nimmt er auf. Ohne Kleider ist er durch nichts (höchstens die Frisur) an die bürgerlichen Normen seiner Zeit gebunden: Kein Korsett hindert ihn, so unvoreingenommen und frei wie möglich, seinen eigenen Neigungen folgend, erwachsen zu werden: aufzustehen und selber seinen Weg zu bestimmen.
7. Bahnunterführung Leesteig

Wer von der Südostecke des Lee-Areals aus auf dem Heimweg die Bahngleise quert, kennt die Unterführung, wo uns Gregor Frehner (*1959) seit 1989 für wenige Momente in eine mystische Realität eintauchen lässt. Die halsbrecherische Kurve auf dem Velo hat uns bereits in einen höheren Bewusstseinszustand versetzt, da gewahren wir schon hellblaue, rosaäugige Fische verschiedener Formen und Grössen nach links und rechts über den rohen Beton schwimmen zwischen taumelnden fischaugenrosafarbenen Haus-Gebilden: Von denen zieht es manche ihrem pfeilspitzen Dach nach in die Tiefe, einzelne werden von mitleidigen Fischen getragen oder haben anscheinend selbständig eine waagrechte Lage gefunden, manche weisen schief nach oben, in vager Erinnerung an die Zivilisation, die hier unten im Halbdunkel nur noch durch die in kurzen Abständen über unsere Köpfe hinwegdonnernden Züge vibrierend sich bemerkbar macht. Hinter einer realen Tür versteckt sich ein Zugang zu städtischen Gas- und Wasserleitungen, zu den brodelnden Eingeweiden unserer Kultur also. Wir sind froh, verlassen wir diese zeitlose Unterwelt schnell wieder, vorbei an in den Beton eingelassenen Trögen, aus denen Pflanzen, algenhaft wie wir, nach oben ans Tageslicht streben, zurück in die reale Welt, die uns Sicherheit gibt – eine scheinbare zwar bloss, aber immerhin.